„Durch Yoga können wir unsere Aufgabe im Leben erkennen“: Interview mit Sadhana Pezet über Yoga Therapie

Virabadrasana 2 1000

Meine erste Yogastunde bei Sadhana war für mich eine wahre Offenbarung: So kann sich Yoga also noch anfühlen – es war anders als das Gefühl, welches ich bereits vom Yoga kannte.

Vielleicht kannst du dich auch noch an deine erste Yogastunde erinnern, das tolle Gefühl wenn der Körper sich offen und der Kopf sich frei anfühlt. Auch ich habe das immer mit den positiven Effekten einer Yogastunde assoziiert, je mehr ich den Körper fordere, desto größer auch der Entspannungseffekt, dachte ich. Nach den Stunden habe ich mich dann wohl gefühlt, aber irgendwie, wenn auch auf eine glückliche Art, erschöpft.

Sadhanas Stunden sind in dem Sinne anders, als dass ich mich auf einmal voller Energie gefühlt habe, neue Inspirationen und Motivation bekommen habe und meinen Körper und seine Signale immer feiner wahrnehmen konnte. Ihre Yogastunden haben mich im wahrsten Sinne transformiert.

Kein Wunder, Sadhana hat fast ihr gesamtes Leben dem Yoga in seiner tieferen Form gewidmet. Über 40 Jahre lang hat sie mit zahlreichen Yogis verschiedener Traditionen und Übungsformen studiert. Dabei ist Yoga als Therapie integraler Bestandteil ihrer Einzelstunden und –coachings. Im Sommer kommt sie mit ihrem Mann und Meditationslehrer Keval nach Berlin um eine Ausbildung in Yogatherapie anzubieten. Ich habe Sadhana schon im Vorfeld über Yogatherapie und ihren ganz persönlichen Ansatz interviewed.

Sadhana, was verstehst du unter Yogatherapie?

Yoga als Therapie (Yoga Chikitsa) ist nicht neu, sie bezieht sich auf die Praktiken für Körper und Geist, die in den traditionellen yogischen Bahnen zu finden sind. Yoga beschreibt den verwirrten, gestörten oder stumpfen Geist als die Wurzel allen Leidens. Die Yoga-Psychologie, abgeleitet aus den philosophischen Texten und Lehren des Yoga, ist vollständig in der Yoga Chikitsa integriert. Es geht dabei vor allem darum dem Mensch zu helfen, die durch den Lebensstil, Stress und die innere Zerstreuung hervorgerufene Störung von Körper und Geist zu erfahren. Viele dieser Texte erfordern jedoch eine Übersetzung für den modernen Geist, um die spirituellen Grundlagen greifen zu können.

In der Arbeit als YogalehrerIn und TherapeutIn begegnen wir in jedem Einzelnen dem Ruf nach Hilfe, körperlich und seelisch nach Leichtigkeit, Stabilität und Ausgeglichenheit zu suchen. Wir hören auch den tiefen existentiellen Ruf nach Sinn und Zweck und die spirituelle Sehnsucht nach den ultimativen Lebensantworten. Yoga ist einzigartig, da es als ein Pfad und gleichzeitige Wissenschaft alles bietet, um auf all diesen Ebenen ein individuelles Bedürfnis zu erfüllen. Yoga Chikitsa wurde und wird immer von Lehrer zu Schüler in einer Weise unterrichtet, die genau auf die Bedürfnisse des Körpers und der Psyche des Empfängers zugeschnitten ist; mit einem besonderen Interesse daran, diese Person über selbst auferlegte Grenzen hinaus in die erweiterte Erfahrung von Körper, Geist und Bewusstsein zu lenken.

Wie unterscheidet sich Yoga-Therapie von schulmedizinischen Heilmethoden?

Stress ist heute die Wurzel für die meisten menschlichen Probleme. Die Belastungen werden durch die riesigen und vielschichtigen Faktoren hervorgerufen, die Individuen in unserer komplexen Welt belasten. Der Stress, nicht zu wissen, wie man Lösungen für persönliche und weltbasierte Probleme findet, der persönliche Kampf mit der Karriere, der Familie, den Beziehungen, den Finanzen, hat unweigerlich Auswirkungen auf Körper und Geist. Diese Komplexität in der Entstehung von chronischen Krankheiten kann mit der Schulmedizin nicht erfasst werden, denn diese befasst sich mit der physischen Natur des Körpers, um Krankheiten zu heilen.

Dabei wird häufig nicht berücksichtigt, dass dem Körper seine Lebenskraft und natürliche Veranlagung für Gesundheit und Heilung von einer nicht physischen Quelle verliehen wird. Ein toter Körper ist der beste Beweis, um zu wissen, dass etwas Lebendiges den Körper zum Zeitpunkt des Todes verlassen hat. Es ist Prana, die Lebenskraft und das vitale und belebende Element, das Yoga in den Heilungsprozess mit einbringt.

Psychotherapien auf der anderen Seite arbeiten meist ausschließlich im Geist. Dies hat begrenzten Erfolg. Als ein Energiefeld hat der Geist immense Kraft, aber wenn er unkontrolliert wird, wird seine Kraft zerstörerischer als nützlicher. Yoga setzt bereits an der Quelle des Geistes selbst an, um diesem als Werkzeug zu ermöglichen, kontrolliert und fokussiert zu arbeiten. Wenn man die Kraft des Geistes in einer zielgerichteten Art und Weise nutzt, kann dies die Erfahrung eines Individuums so umwandeln, dass der Spiegel des Lebens weg von seiner Komplexität und seinem Chaos und hin zu seinen leitenden und informierenden Kräften gerichtet wird.

Mittlerweile ist Yoga Therapie ein immer größer werdendes Feld. Was macht deinen Ansatz für die Yogatherapie besonders?

Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass dieser Ansatz von Yogatherapie seine Integrität und seine Wurzeln in der Tradition bewahrt. Wenn wir allein die schulmedizinisch-biologische Sicht des Körpers auf Yoga als Therapie anwenden, reduzieren wir die Möglichkeiten für Yoga-Praktiken, die über das biomechanische Modell hinaus Transformationen auf tieferer Ebene bewirken können. Statt den Körper und Geist als Objekte unserer physischen Existenz zu betrachten, die korrigiert werden müssen, betrachtet Yoga die physische und mentale Ebene unserer Erfahrung als Ausdruck einer übergreifenden bewussten Intelligenz, die wir für uns in unmittelbare Erfahrung bringen müssen, um Gesundheit zu erfahren und unser Potential in dieser Welt zu erkennen.

Aus der yogischen Perspektive haben wir jeder ein Dharma im Leben, das sich in individueller Gaben und Fähigkeiten ausdrückt, die wir in den Dienst allen Lebens stellen können. Wenn wir im Leben auf der Suche nach Befriedigung sind, aber nur die kleinen Bedürfnisse unseres täglichen Lebens erfüllen, bleibt meist trotzdem eine Leere. Der wesentliche Unterschied in den traditionellen Formen des Yoga als Therapie besteht darin, dass bei der Bewältigung der unmittelbaren körperlichen und seelischen Bedürfnisse gleichzeitig die größere Sicht auf das Leben in die unmittelbare Erfahrung des Individuums gebracht wird. Dadurch werden Ressourcen zur Verfügung gestellt, die zur Bewältigung jeglicher Herausforderungen im Leben dienen können.

Anstatt eine Reihe von Überzeugungen und Dogmen zu erhalten wird der Mensch ermächtigt, der Natur des Geistes durch die Kräfte der Selbstbeobachtung und des Bewusstseins zu begegnen, physische Bedürfnisse intelligent zu befriedigen, und auch die größeren Bedürfnisse des eigenen Lebens zu erfüllen – ein Ziel, das durch einen Prozess der Selbsterforschung und –praxis selbst erfahren werden muss.

yoga therapie ausbildung

 

Derzeit gibt es ein großes Angebot an therapeutischem Yoga wie z.B. Rückenyoga, Hormonyoga etc.– was ist davon zu halten?

Natürlich gibt es Yogaübungen für jeden erdenklichen menschlichen Zustand und wir können Yoga auch auf die Symptome einer Person anpassen, mit dem Ziel sie zu beheben. Die Linderung wird jedoch immer kurzlebig sein, solange bis diese Person ein größeres Organisierungs- und Heilungsprinzip in sich selbst findet.

Yoga wird leider immer symptomatischer in seiner Anwendung.

Ein therapeutisches Yoga kann bei bestimmten Beschwerden sicherlich hilfreich sein, jedoch ist es keine Yoga-Therapie in ihrer essentiellen Form. Für diese Art von Yoga-Therapie ist es wichtig, dass Yoga in der Fülle des yogischen Verständnisses enthalten bleibt.

Was kann ich von der Yogatherapie erwarten? Kann ich meine Krankheit damit heilen?

Wir können in der Anwendung von Yoga als Therapie nicht nur eine Linderung von Symptomen, sondern auch eine tiefere Perspektive im Leben finden. Yoga kann oft Änderungen und Verbesserungen auf der Ebene der Symptome bewirken: Körperliche Schmerzen können durch die Yogatherapie oftmals reduziert und Körperfunktionen verbessert werden, sowie eine Fehlausrichtung des muskulo-skeletalen Körpers angegangen werden.

Heilung als ein vollständiges Kurieren aller Krankheitssymptome ist in diesem Kontext aber vielleicht weniger zu erwarten oder weniger das Ziel, als eine Heilung auf der Ebene der tieferen Ursache der Symptome. Auch jene Symptome, die sich jeder Heilungsbestrebung widersetzen, können dann in einem größeren Kontext verstanden werden, was das Potential zu einer enormen Transformation bietet.

Damit kann die Perspektive und Erfahrung einer Krankheit tiefgreifend verändert werden, so dass der Zustand nicht länger als Problem oder Hindernis gelebt wird, sondern als ein Mittel zur Veränderung, die zurück zu einer freudigen Erfahrung des Lebens führen kann.

Im Yoga geht es vor allem um Selbstermächtigung. Wie kann ich mich von der Ansicht lösen, dass meine Gesundheit allein von externen Faktoren (z.B. Arzt/Ärztin, Genetik etc.) abhängt?

Die Fähigkeit der Herstellung von körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden ist abhängig von unserem Verständnis des Leben und seiner universellen Gesetze, sowie der Empfänglichkeit für die Sprache unseres Körpers und seiner eigenen Intelligenz. Dazu bedarf es eines ruhigen Geistes und der Fähigkeit, sich selbst zu beobachten.

Eine solche Praxis verändert eine rein äußerlich oder physisch zentrierte Ausrichtung hin zu einer Neubewertung dessen, was dem Leben einen Wert gibt und was seine erzeugende Kraft (Prana) ist. Wir erwerben direktes Wissen über diese Kraft und lernen, mehr Prana durch ein bewusstes Leben zu kultivieren. Durch solche Praktiken können wir unser eigener Heiler werden. Damit erzeugen wir von Beginn an weniger Ungleichgewicht und können unser Gesundheitsniveau verbessern. Viele unserer Klienten in der Yogatherapie sind Ärzte, Chirurgen und Heilpraktiker aller Art, die selbst eine Entlastung von ihrem eigenen extremen Stress und Unwohlsein durch den ständigen Umgang mit Krankheiten ohne echte Lösungen und lange Arbeitszeiten suchen.

Inwieweit spielt Ayurveda eine Rolle in der Yogatherapie?

Ayurveda ist ein sehr wichtiger Aspekt von Yoga als Therapie. Ayurveda bietet uns ein Verständnis des menschlichen Körpers und Geistes, das in direktem Einklang mit Yoga steht. Diese beiden Traditionen und Wissenschaften entstammen dem gleichen Wissensfundus, den Veden. Die vedische Kultur ist eine, die mit einem grundlegenden Prinzip von „Rta“ (universelles Gesetz der Balance) lebt und ihre Texte beschreiben dieses Gesetz in großer Tiefe und Poesie.

Ayurveda als eine Wissenschaft des Lebens sieht den Körper, Geist, Bewusstsein und Kosmos als eine ganzheitliche Beziehung, die verstanden werden muss, um auf der individuellen Ebene ein Gleichgewicht zu finden. Die Kräfte, die den Kosmos beeinflussen, sind die gleichen Kräfte, die die Funktion jeder Zelle beeinflussen. Die Anwendung dieser Grundprinzipien, die das Gleichgewicht wiederherstellen, öffnet uns auf wunderbare Weise Zugang zur Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft. Ayurveda versteht, wie ein Körper geformt wird, wie er aufrechterhalten wird, wie man Gewebe in einem Zustand der Degeneration wieder herstellt und durch alle Lebensstadien lebenswichtige Gesundheit sichert.

Dies ist auch das Ziel von Yoga. Wir streben danach, lange und gut zu leben, um das Ziel des Lebens zu verwirklichen. Wir suchen einen gesunden physischen Körper mit einem gut integrierten und kraftvollen mentalen Instrument, um auf die Verwirklichung unserer größeren Potentiale hinzuarbeiten. Yoga hat seine eigene Wissenschaft der Medizin in der Siddha-Tradition offenbart, die dem Ayurveda ähnlich ist.

Welche Kriterien/Qualitätsmerkmale muss eine ganzheitliche und seriöse Yogatherapie erfüllen? Wie finde ich den richtigen Stil, den richtigen Lehrer?

Ein gut integrierter und effektiver Yoga-Therapie-Ansatz basiert auf der yogischen Tradition in Einklang mit wissenschaftlichen, medizinischen Erkenntnissen. Reduktionistische Protokolle, die auf dem gegenwärtigen westlichen medizinischen Modell mit seiner vorherrschenden mechanistischen und physischen Ansicht basieren, werden dem Ansatz der Yoga-Therapie jedoch nicht gerecht.

Lehrer und Vermittler dieser Wissenschaft müssen diese tiefgreifend verstehen, persönlich praktizieren und eine übergreifende Verpflichtung zur Heilung des Klienten haben. Diese Arbeit ist eine Berufung und ein Dienst und erfordert ein lebenslanges Studium und nicht nur ein oder zwei Zertifikate aus dem Besuch einiger Kurse. Gute Behandlungsfähigkeiten sind das Ergebnis einer gezielten Aufmerksamkeit, geduldiger Studien und Übungen und einer Liebe für den Menschen mit der Absicht, dem höchsten Wohl zu dienen. Es ist empfehlenswert den/die TherapeutIn vorher in einem Gespräch kennen zu lernen um mehr über seine/ihre Arbeitsweise zu erfahren.

 

Über Sadhana:

Sadhana PezetSadhana Pezet hat fast ihr gesamtes Leben dem Streben nach Yoga als einem vollständigen Weg der Übung und Philosophie gewidmet. Sie begann 1977 ihr Studium bei Paramahamsa Swami Muktananda und hat über 40 Jahre lang mit zahlreichen Yogis verschiedener Traditionen studiert. Andere Bereiche ihres vertieften Studiums waren Transpersonale Psychologie und Interkulturelle Studien. Sie hat Transpersoan Counsellers und Kunsttherapeuten ausgebildet, und war eine professionelle Künstlerin und Tänzerin, die mit dem Sydney Dance Theatre und dem Australian Dance Theatre (ATD) auftrat. Zurzeit ist sie Mitgründerin und Senior-Lehrerin der Shantarasa Traditional Yoga School die sie mit ihrem Ehemann Keval Pezet leitet. Gemeinsam bilden sie sowohl Lehrer als auch Praktizierende weltweit aus, und setzen ständig ihre eigene Praxis fort. Ihre Arbeit und Seva bringen sie außerdem im Ashram Shanti Mandir unter der Leitung von Mahamandaleshwar Swami Nityananda ein.

 

Das könnte dich auch interessieren:

 

Schreibe einen Kommentar